top of page

Vom Leistungssportler zum Unternehmensberater – Ein Interview mit Alexander Herr



Was haben Teams und Trainer aus dem (Leistungs-)sport mit Mitarbeitenden und Führungskräften in Unternehmen zu tun? Können Mitarbeitende von Führungskräften motiviert werden und wenn ja, wie?


In unserem Interview mit Skisprungweltmeister, Unternehmensberater und Hochschuldozent Alexander Herr wollten wir wissen, was er aus dem Leistungssport für seine Arbeit als Unternehmensberater gelernt hat, wie er seine Erfahrungen umsetzt und warum seiner Meinung nach der Mensch im Mittelpunkt eines jeden Unternehmens stehen sollte.

Auf spannende Fragen haben wir noch spannendere Antworten bekommen, die uns an mancher Stelle überrascht haben. Aber lesen Sie selbst!


Hallo Alex, danke, dass du dir Zeit für ein Gespräch mit uns nimmst. Bitte stell dich selbst kurz vor.

Ich bin ein selbstständiger Unternehmensberater, der ursprünglich aus dem Leistungssport kommt. Als professioneller Skispringer habe ich 2001 einen Weltmeistertitel gewonnen. Nach dem Ende meiner aktiven Zeit, habe ich mich für ein Studium entschieden und in zahlreichen Branchen auf unterschiedlichen Levels gearbeitet. Ich habe ein eigenes Unternehmen gegründet, aufgebaut und wieder verkauft. Heute berate ich Unternehmen, werde für Speaking Auftritte gebucht und darf als Dozent an mehreren Hochschulen im süddeutschen Raum mein Wissen an junge Studierende weitergeben.


“Der Mensch im Mittelpunkt eines erfolgreichen Unternehmens” - das ist der Slogan deiner Beratungsfirma. Wieso hast du dich für diesen Satz entschieden?

An erster Stelle ist Humankapital ein äußerst positiver Begriff. Der Mensch, beziehungsweise die Mitarbeitenden, sind das höchste Gut für den Unternehmenserfolg. Alles im Unternehmen ist abhängig von den Mitarbeitenden! Laut einer Studie von Gallup fühlen sich gerade mal zwei von zehn Mitarbeitenden dem Unternehmen verbunden, sechs sind lediglich gering gebunden und machen Dienst nach Vorschrift, zwei Mitarbeitende arbeiten innerlich sogar aktiv gegen das Unternehmen. Wenn nur 80% der Mitarbeitenden aktiv zum Erfolg beitragen, dann gibt es dort so viel mehr Potenzial. In meiner Unternehmensberatung lege ich aus diesem Grund großen Wert auf Integration, anstelle nur Analyse zu betreiben und fertige Konzepte vorzulegen. Die Zusammenarbeit ist essenziell und da ist es egal, welchen Unternehmensbereich wir uns anschauen.


Was kannst du für dich in deiner Tätigkeit als Unternehmensberater aus deiner sportlichen Karriere ziehen? Welche Parallelen siehst du?

Ich sehe existierende Parallelen in Dingen wie Disziplin oder im Umgang mit Erfolg und Niederlagen. Vor allem die Fähigkeit mit einer Niederlage umzugehen. Schaut man sich meine Disziplin das Skispringen an, dann steht an erster Stelle Mut. Man muss sich merken, dass es keine Garantie für Nichts gibt. Man kann nur versuchen, so viel wie möglich professionell zu arbeiten und am Ende des Tages sieht man, wie erfolgreich man war.


In welchen Bereichen können Unternehmen vom (Leistungs-)sport besonders viel lernen?

Jeder Bereich kann in unterschiedlichen Punkten dazulernen. Nehmen wir das Thema Führung. In vielen Unternehmen bestimmt die Führungskraft Dinge. Die Integration der Mitarbeitenden findet nur unzureichend statt, auch bei Führungskräften im mittleren Management. Hier wird zu viel Potenzial verschenkt. Es ist aber die Bündelung vieler schlaue Köpfe, die gemeinsam ein gutes Ergebnis erzielen können. Im Profisport berät der Trainer nur, denn der Sportler weiß selbst, wie es richtig geht. Nehmen wir als Beispiel Christiano Ronaldo, einer der besten Fußballspieler unserer Zeit und trotzdem scharrt er einen ganzen Trainerstab um sich. Manchmal braucht es eben nur jemanden der von außen draufschaut.


Ist ein Sportteam inkl. Trainer vergleichbar mit einem Team aus Mitarbeitenden und einer Führungskraft? Würdest du sagen, es gelten die gleichen Regeln, um gemeinsam erfolgreich zu sein?

Eine Führungskraft muss noch einige andere Anforderungen erfüllen als ein Trainer im Sport. Beispielsweise sind einige Mitarbeitende älter und haben oft auch mehr Erfahrung als man selbst. Mit dieser Tatsache muss man erstmal umgehen können. Oder schauen wir uns den Aspekt des agilen Managements an. Durch zu viel Agilität kann man leicht den Fokus und das Momentum verlieren. Im Sport gibt es einen extrem wichtigen Faktor - Zeit. Unternehmen können über viele Jahre bestehen, beim Sport weiß man, dass die Zeit des einzelnen Sportlers, des Teams und des Trainers limitiert ist. Die Handlungen sind also viel schneller und aktiver, da hat man keine Zeit für lange Diskussionen, um zum Ziel zu kommen. Aber durch den Fokus auf das Ziel kann ein Team viel schneller zu einem guten Ergebnis kommen.


Wie schafft man es, als Führungskraft seine Mitarbeitenden zu Höchstleistungen zu motivieren? Funktionieren die gleichen Methoden wie im Sport?

Naja, im Leistungssport zeigen 10 von 10 Teammitgliedern ein hohes Maß an Engagement, da muss man Keinen mehr motivieren. Sollte der Sportler oder die Sportlerin nicht mehr motiviert sein, wird er/sie die Sportkarriere beenden. Man muss Motivation verstehen. Wirkliche Motivation kann ausschließlich von innen kommen. Alles andere sind externe Faktoren, die kurzfristig motivieren können, aber keinesfalls nachhaltig sind. Wenn eine Führungskraft das Thema anpacken will, muss sie verstehen, dass man jemand anderen nur zu seiner Motivation führen kann. Man kann Mitarbeitenden keine Motivation überstülpen oder aufzwingen. Jeder Mitarbeitende hat ein eigenes Wertesystem, über das er geführt und gecoacht werden kann.


In welchen Bereichen können Führungskräfte besonders viel von TrainerInnen aus dem (Leistungs-)sport lernen?

Ein wichtiger Punkt ist definitiv der Fokus auf die Sache und nicht auf Zahlen. Geht man auf Jahresabschlusstagungen, geht es um Zahlen, Umsatz und Rentabilität. Aber kein Sportler würde jemals sagen: "Ich muss im nächste Jahr Summe X an Preisgeld verdienen." Er sagt vielleicht, dass er gerne eine Medaille gewinnen würde, aber am Ende ist die Frage, wie er selbst oder das Team noch besser werden können. Und das ist das eigentliche Ziel! Alles andere sind Nebenprodukte, die automatisch die unternehmerische Situation verbessern.


Du hast damals heftige Kritik am Bundestrainer geäußert. Das kam nicht gut an, wie wichtig empfindest du dennoch Kritik an einer Führungskraft?

Im Nachhinein hat mir die Situation von damals im beruflichen Leben sehr viel geholfen. Beruflich habe ich sehr viel Anerkennung dafür erhalten. Ich habe vor kurzem einen interessanten Satz gelesen: Bevor du jemanden kritisierst, überleg dir, was er auch schon Gutes getan hat.

Bevor ich die Kritik öffentlich geäußert habe, habe ich es längere Zeit zuvor intern getan. Leider bin ich mit meiner Kritik und meinen Anregungen auf taube Ohren gestoßen, weshalb sich bei mir eine Menge Wut angestaut hatte. Deshalb ist es wichtig, sachliche und faire Kritik aufzunehmen und für sich selbst sowie mit dem Team zu analysieren und zu reflektieren. Dann kann gemeinsam eine Entscheidung getroffen werden. Wichtig ist aber, dass Kritik sich nicht an die Person des anderen richtet. Jeder schaut aus einer anderen Perspektive auf die Dinge - das kann aber auch eine gute und gewinnbringende Perspektive sein!


Ist Kritik deiner Meinung nach also ein Zeichen von Wertschätzung oder eher das Gegenteil davon?

Wenn ich sachliche und faire Kritik erhalte, dann zeugt es doch von Interesse an mir. Die meisten Menschen haben, wenn sie Kritik äußern, eine positive Absicht. Kritik ist also sinnvoll. Heutzutage scheuen wir uns zu sehr vor dem Thema Kritik und bauen uns eine "heile Welt". Wir sind oft nicht mehr bereit in einen Konflikt zu gehen.


Welchen Tipp würdest du Mitarbeitenden und Führungskräften an die Hand geben, wenn sie Kritik im Team äußern wollen?

Ein wichtiger Punkt ist Empathie! Zuhören, offen sein und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, trotz der Verantwortung die man als Führungskraft trägt. Dann kommt man schnell auf eine sachliche Ebene. Natürlich geht es auf der anderen Seite aber auch um Emotionen und darum, den Mitarbeitenden, aber auch der Führungskraft gegenüber, Wertschätzung zu zeigen. Zusätzlich kann man sich extern Expertisen dazu holen, um gemeinsam die nächsten Schritte zu machen.


Danke, lieber Alexander, für das erkenntnisreiche Interview!



Comments


bottom of page